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Warum Alcandia gescheitert ist

Wer eine Pauschalreise nicht antreten kann, muss im Normalfall mit hohen Stornogebühren rechnen. So erging es auch Sebastian May und Sergej Zwezich, den Gründern von Alcandia. Sie nutzten das Problem der kostspieligen Reisestornierung und entwickelten daraus ein Geschäftsmodell.

Was anfangs durchaus erfolgversprechend aussah, entwickelte sich im Laufe der Zeit trotzdem zum Flop. Das wirft natürlich die Frage auf: Warum ist Alcandia gescheitert?

Steckbrief Alcandia

  • Art des Startups: Reise-Dienstleister
  • Gründer: Sebastian May und Sergej Zwezich
  • Geschäftsbetrieb: 2016 bis 2019
  • Firmensitz: Berlin
  • Geschäftsform: GmbH
  • Finanzierung: Eigenkapital und Business Angels
  • Business Angels: Just Beyer, Robert Meier und Johannes Schaback
  • ähnliche Anbieter: tradeyourtrip.de, stornopool.de, Jumpflight, Retravel

Das Geschäftsmodell von Alcandia

Sebastian May bezeichnete Alcandia in einem Interview als „Zweitmarkt für Reisen, die eigentlich storniert werden würden“. Die Geschäftsidee dahinter ist nicht neu und definitiv als Nische zu betrachten, aber trotzdem erfolgversprechend. Immerhin spricht sie gleich zwei (große) Zielgruppen an:

  1. Menschen, die eine Pauschalreise kurzfristig nicht antreten können, aber auch keine hohen Stornogebühren zahlen wollen
  2. Menschen, die gern spontane Schnäppchen-Reisen buchen wollen

So funktionierte das Geschäftsmodell von Alcandia:

  • Eine Person, die eine Pauschalreise nicht antreten kann, stellt diese auf Alcandia ein und legt einen Preis dafür fest (das Alcandia-Team hat rund 70 % des Originalpreises empfohlen)
  • Eine andere Person entdeckt die Reise, findet Gefallen daran und kauft sie der ersten Person ab (C2C)
  • Alcandia erhält für jeden erfolgreichen Verkauf einer Reise eine Provision in Höhe von 15 bis 20 % des Wiederkaufspreises
  • dafür bieten sie neben der Vermittlungsplattform u.a. einen Verkäufer- und Käuferschutz sowie einen Stornokostenrechner an
  • für Reisen, die nicht verkauft werden, wird auch keine Provision fällig

Wenn man so will, handelte es sich bei der Geschäftsidee um eine Win-Win-Win-Situation: Der ursprüngliche Reisende muss keine hohen Stornogebühren zahlen, der neue Reisende bucht seinen Urlaub zum Schnäppchenpreis und Alcandia erhält eine Provision für die Vermittlung. Doch trotzdem ist das Startup gescheitert.

Die rechtliche Grundlage von Alcandia

Die rechtliche Grundlage für das Geschäftsmodell von Alcandia bildete §651e BGB. Darin heißt es im 1. Absatz: „Der Reisende kann innerhalb einer angemessenen Frist vor Reisebeginn auf einem dauerhaften Datenträger erklären, dass statt seiner ein Dritter in die Rechte und Pflichten aus dem Pauschalreisevertrag eintritt. Die Erklärung ist in jedem Fall rechtzeitig, wenn sie dem Reiseveranstalter nicht später als sieben Tage vor Reisebeginn zugeht.“

Oder mit anderen Worten: Eine Namensänderung im Pauschalreisevertrag ist möglich und sorgt dafür, dass eine Reise nicht zwangsweise storniert werden muss.
Was den Gründern von Alcandia und ähnlichen Anbietern zusätzlich in die Karten spielte, war ein Urteil vom Landesgericht München aus dem Jahr 2013. Dieses entschied nämlich, dass Reiseveranstalter für Namensänderungen nicht mehr – wie bisher üblich – hohe Gebühren verlangen dürfen, sondern nur noch die Kosten, die auch tatsächlich dadurch entstehen. (Az. 12 O 5413/13)

Mögliche Gründe für das Scheitern von Alcandia

Auf der Suche nach Antworten auf die Frage „Warum ist Alcandia gescheitert?“ findet man im Netz nur wenige Anhaltspunkte. Die Gründer Sebastian May und Sergej Zwezich äußerten sich selbst nie öffentlich dazu, warum ihre Firma am 15. August 2019 gelöscht wurde. Darum kann an dieser Stelle nur über das Scheitern des Reise-Startups spekuliert werden.

Was einem sofort ins Auge springt, wenn man sich mit dem Geschäftsmodell von Alcandia auseinandersetzt, ist die extrem große Konkurrenz. Wettbewerber wie tradeyourtrip.de, stornopool.de, Jumpflight und Retravel haben sich ebenfalls auf das Nischensegment Stornoreisen spezialisiert und sind interessanterweise größtenteils wie Alcandia gescheitert. Lediglich tradeyourtrip bietet nach wie vor den Weiterverkauf von Reisen an, die andernfalls storniert werden müssten.
Ein weiterer Punkt, der es den Stornoplattformen im Allgemeinen und Alcandia im Speziellen sicher schwer gemacht hat, Fuß auf dem Markt der Reisevermittlung zu fassen, ist das Unwissen der potentiellen Kunden. Viele Menschen haben schlichtweg keine Ahnung von der Möglichkeit, eine Reise an eine andere Person weiterzuverkaufen und nehmen stattdessen die Stornogebühren zähneknirschend hin.

Auch wenn Sebastian May und Sergej Zwezich in Interviews immer wieder betonten, dass sie, anders als ihre Konkurrenz, ihre Kunden für Rechte und Alternativen sensibilisieren wollten, kann davon ausgegangen werden, dass die Mühen am Ende doch nicht gereicht haben.
Eine dritte Komponente, die zum Scheitern von Alcandia beigetragen haben könnte, ist die Schwierigkeit, Kooperationen mit großen Reiseportalen aufzubauen. May und Zwezich verwiesen zwar beispielsweise auf deutsche-startups.de auf „starke Kooperationspartner“ sowie auf startstories.de auf „äußerst erfahrene Startup-Persönlichkeiten“, die sie unterstützten – doch wer genau das letztlich gewesen ist und ob die Geschäftsbeziehungen bis zum Schluss gehalten haben, kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr eindeutig gesagt werden.

Klar dürfte sein: Die großen Player der Branche hatten ganz sicher mehr Interesse daran, eine eigene Plattform für Stornoreisen aufzubauen anstatt dieses Segment an ein Unternehmen wie Alcandia abzutreten.
Was genau letztlich der Grund für das Scheitern von Alcandia gewesen ist, ist schwer zu sagen. Vermutlich war es ein Zusammenspiel der drei genannten Komponenten, also:

  1. zu viel Konkurrenz
  2. Unwissenheit der Zielgruppe
  3. Dominanz großere Reiseportale auf dem Markt

Sebastian May und Sergej Zwezich wollten Stornoreisen vom Nischenprodukt zum festen Reisesegment machen – ein ambitioniertes Ziel, das bisher weder den Gründern von Alcandia noch einem vergleichbaren Anbieter gelungen ist.

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